LESEPROBE 1

Die Talentburg - Kim Kostüm (2018)
Ein Ausschnitt davon ist auf dem Cover

Ra - Ramon (Protagonist)
Allein. Mittags. Ein Tag vor Weihnachten. Ich – Ramon – sitze am Küchentisch, ärgere mich über das braun-weiss gewürfelte Wachstuch mit Löchern, die Ma wütig und depressiv mit Zigaretten stanzt, kaue ein Sandwich mit Lochkäse, halte den Brief von LiAnders in der Hand, die zittert. Schaue auf die zierliche, vornehme Handschrift meines Freundes und denke nach, während die Buchstaben sich verwässern. 

Mit mir und Alfonso? Wann ist:
Kommt bald? Kann ich etwas in Rollen bringen? Als wer?
Wer bin ich?
    Ra, der vergessene Sohn von Ma und Pa, der trinkt?
    Rami, der Freund von Alfonso und LiAnders?
    Ramon, Enkel von Nonna Giuliana, Opa Salomon?
    Ra, Dummkopf in der Stadtschule bei Rio Rotstift?
    Ra, der Glückskäferchen belauschte, Liebe fühlte?
Ich nannte mich Ra, früh schon, als ich begann, erste Worte zu lallen. Ra wie der Sonnengott – das erfuhr ich erst später, mit vierzehn Jahren, auf der Sonnenburg, als ich mit Opa Salomon die Ausstellung Ägyptologie auf dem Kontinent besuchte. Dort den prächtigen Wandteppich bestaunte, die eingewobene goldene Sonnenscheibe sah, darunter Schriftzeichen. Als Opa mir von Ra, dem Sonnengott, erzählte, erkannte ich: Ich, Ra, kann mehr als ich zeige – Aussergewöhnliches. Während mein Zeigefinger den Schriftzeichen auf dem Wandteppich nachfuhr, die wie meine Haare kupfergolden leuchteten, stieg in mir eine gigantische Kraft hoch. Energie.
Neugierde. Tatkraft. Ein unbeschreibliches Entdeckergefühl durchpulste jede Zelle meines Körpers und die Gewissheit stärkte mich: Ich bin einzigartig, unverwechselbar. Bin, wie ich bin. Ein goldenes Geschenk. Ein Funke stieg auf, und ich hörte ihn, meinen Lebensruf: Schriftzeichen will ich erforschen, durch sie das Geheimnis des Gedeihens an Schulen entziffern. Auf anderen Burgen erzählte Opa mir vom Gelingen des Lebens. Dazu gelte es, erhaltene Talente mit Lernfreude auszuschöpfen und sie zum Wohle der Gemeinschaft wachsen zu lassen. Vor dem Wandteppich erinnerte ich mich daran. Vor Ra – mit der Sonnenscheibe – glühte ein Zauberfunke, der zur leuchtenden Flamme wurde, die als Wärme in mir hochschoss, mich in Forscherglut und Selbstvertrauen einhüllte. Selig hielt ich den Atem an, während die goldenen Schriftzeichen vor meinen Augen tanzten…
Als Opa mich stupste und mich aus dem Traumgefühl riss, waren die Selbstzweifel wieder da. Wehmut kroch die Lunge hoch, erwürgte jeden Funken Abenteuerlust und ich hustete.

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Ramon zeigt, wie er sich aus der Selektionsmühle befreite, und vom Dummkopf zu einer Leuchtgestalt für Stadt und Stadtschule avancierte.